Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Philip K. Dick Seite 2 von 3

Philip K. Dick, Das Orakel vom Berge

Das Orakel vom Berge ist ein sehr ungewöhnliches Stück von Dick. Das liegt sowohl am Inhalt als auch an der Herangehensweise, mit der Dick den Text entstehen ließ. Ja, richtig: „Entstehen lassen“ ist wohl die rechte Bezeichnung, denn der I-Ging-Gläubige Dick ließ das chinesische Münzorakel darüber entscheiden, wie die Personen an Scheidewegen im Buch handeln. Das erzeugt oft recht ungewöhnliche Handlungsweisen, als man es aus „normalen“ Büchern kennt – selbst von Dick.

Kurz zum Inhalt: Der Autor spinnt die Idee aus, dass die Nazis und die Japaner den zweiten Weltkrieg gewonnen und die Welt untereinander aufgeteilt haben. In dieser faschistischen Besatzerwelt treiben sich nun die Hauptfiguren herum und entdecken eine Parallelwelt, in der alles ganz anders kam …

Philip K. Dick, Der dunkle Schirm

Ein gutes, aber auch ein nicht ganz leichtes Buch. Dick vermengt hier Drogenkonum mit Persönlichkeitsstörungen, Paranoia und polizeilichen Undercover-Ermittlungen. Der Roman, der vor allem aufgrund von Dicks „Erfindung“ der Jedermannanzüge als praktisch unverfilmbar galt, wurde tatsächlich vor wenigen Jahren gelungen auf die Leinwand gebracht. Stars wie Keanu Reeves, Robert Downey Jr., Woody Harrelson und Winona Ryder wurden dazu in die Welt Philip K. Dicks entführt. Wer die Verfilmung in digitaler Rotoskoptechnik noch nicht kennen sollte, dem sei sie auf jeden Fall empfohlen. An die Qualität des Buchs kommt sie zwar wie üblich nicht heran, aber sie trifft den Ton des Romans erstaunlich gut.

Philip K. Dick, Ubik

Zu den Dick-Texten, die ich nicht anders als absolut faszinierend bezeichnen kann, gehört eindeutig Ubik. Dieses Buch sprüht nicht nur so von Einfällen, sondern Dick dreht hier alle Register seines Könnens bis weit über den Anschlag auf. Zeit löst sich auf, Grenzen zwischen Tod und Nichttod verschwimmen und verzahnen sich zugleich an anderer Stelle. Der Leser kann sich eigentlich nie sicher sein, wo er sich gerade befindet oder was Dick als nächstes präsentiert. Kafka ist dagegen Hardcore-Realismus. Oder um auf eins meiner Lieblingszitate von ihm anzuspielen: „Realität ist das, was übrig bleibt, wenn man aufhört, daran zu glauben.“ Mehr darf ich, mehr möchte ich nicht verraten, denn wo wäre der Spaß bei einer Achterbahn, wenn man jede Kurve und jeden Looping aus dem Schlaf kennte?

Wer Ubik nicht kennt, kennt nichts von Dick. Ubik sollte wirklich jeder einmal lesen – auch Leute, die sonst nichts mit Dick zu tun haben.

Philip K. Dick, Nach der Bombe

Diesen Band hab ich bereits kurz angesprochen. Es war der Text, durch den Dick in meiner Sicht auf die gute Seite der Buchmacht kippte. Die Geschichte ist relativ schnell angerissen: In einer Endzeitwelt wird die Menschheit von einem DJ unterhalten, der in einem Satelliten um die Erde kreist. Auf der Erde selbst haben sich in der Tier- und Menschenwelt merkwürdige Mutanten gebildet, die für allerlei Zwistigkeiten sorgen, insbesondere dank der übermenschlichen Fähigkeiten einer Hauptfigur. Tja, mehr darf ich schon nicht verraten, weil ich sonst den Clou der Geschichte ausplaudern würde. Und ich hab doch irgendwie die Hoffnung, dass auch weitere Leser in dieses relativ unbekannte Dick-Werk schauen.

Deshalb möchte ich darauf hinweisen, dass ich den Roman vielleicht nicht zu Dicks Top Three zählen würde, aber auf jeden Fall für lesenswert halte.

Philip K. Dick, Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Das war mein erster Band von Dick. Klar, als Fan von Blade Runner wollte ich endlich mal wissen, was es mit diesem Autor und seinen düsteren Büchern auf sich hat.

Beim ersten Lesen war ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht (so wie Dick, als er vor seinem Tod die Fassung von Blade Runner gesehen hat). Das, was da zwischen den Buchdeckeln stand, hatte nahezu nichts mit der Verfilmung von Ridley Scott gemein. In der ersten Enttäuschung war ich dann auch noch blind, die wahren Qualitäten Dicks zu erkennen. Das änderte sich erst, als ich aus Neugier ein weiteres Buch von ihm kaufte: Dr. Bloodmoney. Seitdem bin ich in Dicks Kosmos verloren.

Natürlich hab ich später auch das Androiden-Schaf-Buch noch einmal gelesen. Nachdem ich mit Dick besser vertraut war, kam ich deutlich besser damit klar. Und ehrlich gesagt gefällt mir ziemlich genau seitdem der Film lange nicht mehr so gut wie früher, obwohl mich diese Stimmung und zahlreiche Einstellungen im Film bis heute aufs Tiefste faszinieren.

Philip K. Dick, Der unmögliche Planet

Derzeit gibt es zwei Sammlungen mit kürzeren Dick-Erzählungen auf Deutsch. Eine davon ist diese Sammlung. Sie enthält aus der gesamten Schaffensphase zahlreiche Erzählungen: Roog, Und jenseits, das Wobb, Die Verteidiger, Kolonie, Nanny, Variante zwei, Gewisse Lebensformen, Projekt: Erde, Menschlich ist …, Der unmögliche Planet, Hochstapler, Das Vater-Ding, Verwirrspiel, Foster, du bist tot, Autofab, Nach Yancys Vorbild, Der Minderheiten-Bericht, Zur Zeit der Perky Pat, Ach, als Blobbel hat man’s schwer, Die kleine Black Box, Schuldkomplex, Erinnerungen en gros, Rückspiel, Glaube unserer Väter, Die elektrische Ameise, Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten, Die Präpersonen, Ätherfesseln – Luftgespinste, Ich hoffe ich komme bald an, Eine außerirdische Intelligenz.

Man merkt, ein Konvolut zahlreicher verrückter Ideen, durchgespielt bis zum Zusammenbruch der Geschichte. Meine persönlichen Favoriten aus dieser Sammlung sind: Kolonie, Variante zwei, Hochstapler, Das Vater-Ding, Nach Yancys Vorbild, Der Minderheiten-Bericht, Die kleine Black Box, Erinnerungen en gros, Rückspiel, die elektrische Ameise.
Beim Minderheiten-Bericht und den Erinnerungen en gros handelt es sich natürlich um die bekannten Filmvorlagen. Die kleine Black Box behandelt ein Themenfeld, das später für die Vorlage von Blade Runner sehr wichtig ist. Ideen aus Perky Pat schließlich baute er später bei den Drei Stigmata des Palmer Eldritch ein, aber dazu später mehr.

Auch Roog – eine Geschichte aus der Sicht eines Hundes – oder das Vater-Ding – der klassische Science-Fiction-Horror, in dem die Erwachsenen „ausgetauscht“ werden – sind durchaus zu empfehlen. Da ist es wohl kein Zufall, dass mein Band so abgegriffen ist, dass man den Titel auf dem Cover kaum noch lesen kann.

Philip K. Dick, Flow My Tears, the Policeman Said

Eins der wenigen Dick-Bücher, die ich im Original gelesen habe. In der deutschen Fassung heißt es gewöhnlich „Eine andere Welt“, und das trifft den groben Rahmen der Geschichte genauer. Das Buch spielt mit dem Hauptthema von Dicks Überlegungen: Was ist, was wird, wenn unsere Realität sich ändert? Exemplarisch, fast wie Kafka, führt er das in diesem Roman an der Hauptfigur vor, die nach einem Krankenhausaufenthalt unter Einfluss einer Droge in einer anderen Realität landet. Hier mixt Dick dann noch seine eigene späte Weltsicht ein, nämlich die des Polizeistaats, in dem die Hauptfigur landet. Das Buch hat einen seltsam gebrochenen Klang. Obwohl es stilistisch nicht schwieriger ist als andere Dick-Texte, ist es nicht ganz so locker, hat weniger dieses Augenzwinkern wie sonstige Arbeiten von ihm. Trotzdem scheint es mir doch ein wichtiges Stück zu sein, das ich hier gern empfehlen möchte.

Philip K. Dick, Zeit aus den Fugen

Wenn ich etwas von Dick gelesen habe, ist mir schon so oft aufgefallen, dass das doch mal wieder die Basis für den und den Film ist. Interessanterweise wurde kein Buch, keine Erzählung genau so fürs Kino adaptiert, wie Dick sie geschrieben hat. Seine Geschichten wurden dagegen fleißig genutzt, um den Kern, oft eine tiefgründige Idee, zu nehmen und zu einem doofen Actionfilm zu vergewaltigen.

Bei Zeit aus den Fugen liegt ein minimal anderer Fall vor. Der Hauptteil der Geschichte wurde nämlich ebenfalls filmisch verwurstet, allerdings zur Abwechslung in einen medienkritischen Streifen.

Nur raus mit der Sprache: Wer hat alles „Die Truman Show“ gesehen? Richtig. Die Idee ist aus Zeit aus den Fugen. Nur die Pointe ist eine andere. Dicks Hauptfigur wird nämlich nicht zur Belustigung eines Milliardenpublikums in einer 50er-Jahre-Welt festgehalten, sondern weil er … nun ja, ich möchte nicht zu viel verraten.

Zeit aus den Fugen ist kein großer Roman, nein. Aber es ist ein handwerklich sauberes Stück, das ich sehr empfehlen möchte.

Kim Stanley Robinson, Die Romane des Philip K. Dick

Zur Abwechslung mal echte Sekundärliteratur. Es ist sogar die Dissertation von Robinson, der seines Zeichens selbst Science-Fiction-Autor ist. (Wobei ich einräume, aus dieser Gattung nichts von ihm zu kennen.)

Robinson gliedert die Schaffensperioden Dicks in verschiedene Teile. So hat Dick laut Robinson realistisch begonnen, mangels Erfolgs schwenkte er dann aber zur Science-Fiction über. Hier liegt ein nicht unwichtiger Bruch in Dicks Leben. Denn der Realismus war eigentlich das, was ihn lange interessierte (und was er am Ende auch wiedergefunden hat). Robinson arbeitet sich schließlich durch die einzelnen Schreibphasen hindurch, stellt vor, erklärt und bindet ein. Das tut er auf eine Weise, die das Buch für Dick-Fans sehr spannend macht.

Philip K. Dick, Die VALIS-Trilogie

Okay, spätestens jetzt wird es jeder Dick-Leser merken: Ich stelle meine Dick-Sammlung hier weder alphabetisch noch chronologisch vor. Stattdessen gehe ich die Bücher so durch, wie sie nach dem letzten Umzug ins Bücherregal gefallen sind. Das wird in Einzelfällen seltsam anmuten, so wie heute.

Die VALIS-Trilogie ist ein Monster. Ich kenne Leute, die Dick sehr schätzen, aber an dieser Trilogie scheiterten. Und das kann ich durchaus verstehen. VALIS ist nicht nur optisch ein Monster, sondern auch inhaltlich. Die Trilogie besteht aus den drei Romanen VALIS, Die göttliche Invasion und Die Wiedergeburt des Timothy Archer. Die Wiedergeburt gehört eher locker zu den anderen beiden Romanen, was aber weniger Dick als vielmehr dem Verlagswesen geschuldet ist, weil der ursprünglich geplante letzte Roman der Trilogie unvollendet blieb. Aus mir unverständlichen Gründen klatschte man dann eben den „irgendwie“ passenden Timothy Archer dazu, das letzte Buch, das Dick vollendet hat.

Dick begann mit der Niederschrift des Romans nach einem einschneidenden Erlebnis. Er hatte nach einer zahnärztlichen Behandlung Natriumpenthotal bekommen und unter Einfluss dieser Droge Halluzinationen gehabt, die sein Weltbild endgültig umkrempelten. Alles schien ihm nur noch Gaukelei, zeitweise glaubte er, wir lebten immer noch in der Zeit des Römischen Reichs und alle Realität würde uns lediglich vorgespielt werden. (Es gibt dazu einen wunderbaren Strip von Robert Crumb.) Wer da übrigens ein Klingeln hört, dem gratuliere ich herzlich: Ja, die Wachowski-Brüder haben sich fleißig bei VALIS bedient.

Dick hat sich nach diesen Visionen damit beschäftigt, herauszubekommen, was hinter unserer Realität liegt. Das Ergebnis ist VALIS.

VALIS – ein Akronym für Vast Active Living Intelligence System (oder in der deutschen Fassung: Voluminöses Aktives Lebendes Intelligenz-System) – ist ein Satellit, der mit einer rosa(!) Strahlung in unsere Gedanken eindringt und dafür sorgt, dass wir die Welt sehen, wie wir sie sehen. In der Hauptsache geht es dabei natürlich um einen versteckten Polizeistaat. Die Handlung in VALIS ist (meiner Erinnerung nach) recht bescheiden. Der Ich-Erzähler (Philip Dick) erzählt von der Hauptfigur Horselover Fat, der sich mit Kumpels trifft, irgendwann hinter VALIS kommt und danach forscht. Sie lernen einen Musiker kennen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat, und suchen schließlich die zweijährige Sophia, eine Art Orakel. Am Ende muss der Ich-Erzähler feststellen, dass er selbst Horselover Fat ist: Phil-hip (gr. der Pferdefreund/Horselover) Dick (engl. Fat). Das ganze Werk ist durchsetzt mit 52 Punkten aus Dicks eigenen Tractates Cryptica Scriptura, Anweisungen, Hinweisen, Sätzen, Überlegungen, die Dick selbst in seinem persönlichen Wahn gehört haben will. Manche kommen nur einmal vor, andere wiederholen sich permanent, so wie N° 6 „Das Reich endet nie.“
VALIS ist schrecklich und interessant zugleich. Es ist das Ergebnis eines Nervenzusammenbruchs und schenkt gerade psychologisch interessierten Menschen tiefe Einblicke in das, was in einem Menschen vorgeht, der im absoluten Wortsinne neben sich steht. Zugleich halte ich es für eine Art Therapie, der Dick sich unbewusst selbst unterworfen hat. Ohne die Niederschrift von VALIS, so glaube ich, hätte er den ohnehin kurzen Rest seines Lebens in der Anstalt verbracht.

Die göttliche Invasion ist in der in Trilogie der Roman, mit dem ich die größten Probleme hatte. Daher möchte ich mich extrem kurz fassen: Es geht um eine seltsame Parallelgeschichte eines Mannes, der nach einem Unfall in einem kryonischen Zustand liegt und dort seine Vergangenheit wiederträumt. So weit, so gut. Aber diese Vergangenheit beinhaltet eine seltsam isolierte Kolonie auf einem fremden Planeten und zahlreichen Engels- und Gottesquatsch. (Anders kann ich es nicht nennen, tschuldigung).

Der dritte, eigentlich nicht zur Trilogie gehörige Roman Die Wiedergeburt des Timothy Archer fiel mir bei der Lektüre deutlich leichter. Es geht um allerlei Wirrungen im Umfeld eines Gurus und die Kopplung der Leben verschiedener Menschen. Ich kann mich erinnern, dass mich die Schilderung von Bill, einem schizophrenen Sohn einer Figur, sehr beeindruckt hat. Hier gelingt Dick, was er vorher in anderen Büchern besonders gut konnte: psychische Erkrankungen darzustellen.

Summa summarum: VALIS ist grässlich. VALIS ist wichtig. Zumindest für das Verständnis des späten Phil Dick. Was immer mit ihm passiert ist in seinen letzten Jahren – VALIS ist das Ergebnis davon. Wer es sich zutraut, wird in bizarre Welten geführt, die Dick realer waren als vieles andere. Aber er braucht nicht Dick at it’s best zu erwarten. Leider.

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