Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Haruki Murakami, 1Q84

Über ein Jahr lang bin ich in Buchhandlungen um dieses Buch herumgetänzelt. Ich wusste, dass ich es lesen wollte, konnte mich aber nicht durchringen. Irgendwann bekam ich die Möglichkeit, einfach mal ein paar Seiten reinzulesen und ich war bereits nach wenigen Seiten gefangen. Ich musste einfach wissen, was die Figuren in diesem Text antreibt. Ich musste erfahren, was die weibliche Hauptfigur Aomame dazu bringt, Männer umzubringen, und was die männliche Hauptfigur Tengo damit zu tun hat, der zunächst sehr unscheinbar wirkt. Was die beiden miteinander im Jahr 1984 zu tun haben, möchte ich hier gar nicht verraten, nur so viel, um den Titel zu erklären: Durch eine ungewöhnlichen Weg gelangt Aomame in eine Parallelwelt, die sie nach dem Jahr 1Q84 nennt. (Hier liegt ein japanisches Wortspiel vor, weil der Buchstabe Q wie die japanische 9 klingt.)

Murakami gelingt es kunstvoll, eine Erzählung zu weben, in der mehr miteinander verknüpft ist, als man anfangs glaubt. Tückischerweise ist es oft auch an anderen Stellen mehr miteinander verknüpft, als man zwischenzeitlich denkt. Er entfaltet ein Porträt Japans, das oft eher einem wohl tarierten Film gleicht als einem Buch. Dabei verleiht er den Figuren mit einer Leichtigkeit eine psychologische Tiefe, die ich in modernen Büchern nicht oft antreffe.

Ja, so wie er die Geschichte erzählt, kommt man sich vor, als sähe man einem Meister der japanischen Kalligraphie dabei zu, wie er Meisterwerke erschafft. So leicht im Schwung und so perfekt aufs Haar genau gezeichnet. Es ist ein gutes Buch.

Nachtrag: Wenige Wochen nach Abschluss der Lektüre ist mir etwas Angenehmes aufgefallen. Als ich neulich am Bahnhof stand, ein wenig herumträumte, da fiel mir auf, dass ich das Buch und vor allem die Figuren Aomame, Tengo, Fukaeri und Tamaru vermisse. Die drei Bände haben mich dauerhaft so sehr gefesselt, dass das Jahr 1Q84 für mich eine Art zweites Zuhause geworden ist. Nun habe ich mir ja vorgenommen, in Zukunft ein wenig weiter bei Murakami zu stöbern; im schlimmsten Fall werde ich mal wieder einen Abstecher in das Jahr 1Q84 machen.

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  1. sonnenkind

    Ich vermisse sie auch, die Protagonisten, die Parallelwelt, diese wundervolle Sprache… Auch wenn ich mich zwischenzeitlich mit Murakamis Buch übers Laufen „getröstet“ habe – gänzlich anders, die Poesie fehlt, allerdings erfährt man viel über den Menschen Murakami und so einige Begebenheiten aus 1Q84 erscheinen im neuen Licht, fehlt mir diese wunderbar gezeichnete Parallelwelt.

    • Dann bist Du jetzt schon die zweite Leserin, die mir dabei zustimmt. Ich denke, Murakami hat da wirklich etwas ganz Großes erschaffen. Anders ist das nicht zu erklären.

  2. Corinna

    Das hört sich wirklich gut an. Kommt auf meinen Wunschzettel.

    • Wenn Du dicke Bücher nicht scheust, wirst Du gewiss Gefallen daran finden. Und ich werde mich in Zukunft mal noch ein bisschen weiter bei Murakami umtun. Aber vorher muss ich den heimischen Bücherberg noch ein wenig abflachen.

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