Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Anthologie Seite 3 von 4

Joachim Kersten (Hrsg.), Der Tagebuch-Rabe

Tagebücher sind eine seltsame literarische Gattung. Vermutlich gibt es kaum eine andere, die so oft begonnen, aber nicht fortgeführt, geschweige denn veröffentlich wird. Letzteres ist allerdings in den allermeisten Fällen wohl auch eher weniger wünschenswert. Umgekehrt ist es aber in zahlreichen Fällen enorm spannend, was manche Leute so notiert haben. Nicht zuletzt gilt vielen das tägliche Schreiben als wertvolle Übung oder wie Italo Svevo zu Beginn des Tagebuch-Raben (Rabe Nr. 34) zitiert wird:

„Ich glaube, glaube aufrichtig, dass es kein besseres Mittel gibt, um eines Tages richtig schreiben zu können, als täglich etwas hinzukritzeln.“

Dementsprechend changieren die Texte in diesem Raben zwischen amüsant und nachdenkenswert. Immer stillen sie aber diesen Voyeurismus, über den man als ambitionierter Leser wohl genauso verfügen muss wie gute Autoren. Denn dann und vermutlich nur dann kommt man zu Erkenntnissen, wie Jan Philipp Reemtsma sie hier in seinem Rom-Tagebuch niederschreibt:

„Das Pantheon ist der schönste Raum der Welt.“

Elsemarie Maletzke (Hrsg.), Der Hotel-Rabe

Der Rabe Nr. 33 amüsiert mit Erzählungen und Erlebnissen aus dem Hotelgewerbe. Wer könnte da nicht selbt die ein oder andere Anekdote beisteuern? Eben. Deshalb wundert es auch nicht, wenn in diesem Band Simon Borowiak (damals noch Simone), Adorno, Charlotte Brontë, Gerhard Polt und viele andere mit ihren Geschichten amüsieren. Alles in allem eine kurzweilige Unterhaltung.

Gerd Haffmans (Hrsg.), Der farbige Exoten-Rabe

Als der Haffmans-Verlag noch selbstständig lebte, und nicht als Ziehkind von Zweitausendeins, da brachte er mehrfach im Jahr eine kleine, aber feine Literaturzeitschrift in Taschenbuchformat heraus. Jede Ausgabe war monothematisch, der oder die Herausgeber wechselten dem Thema entsprechend. Gefüllt war jede einzelne Ausgabe mit Texten aus der klassischen Literatur, aber auch Neues fand sich immer wieder darunter, dazu überraschende, witzige und amüsante Zeichnungen, Bilder, Fotos oder Collagen. Während des Studiums brachte ich über verschiedenste Quellen die ein oder andere Ausgabe des Raben zusammen, die mir auch in der Zweitlektüre regelmäßig gute Unterhaltung bescheren. Einen Raben hatte ich hier bereits vor geraumer Zeit in aller Kürze vorgestellt, weitere werden folgen.

Zunächst der farbige Exoten-Rabe. Unter dem Titel mag man sich als Unbeteiligter wohl kaum etwas vorstellen. Mit der Titelseite wird es klarer. Es geht um Schwarze, Rassen, Sklaven und allem, was dazugehört. Es ist ein wahres Panoptikum an Splittern und Arbeiten von Kant, Kästner, Kipling und vielen weiteren. Hier kann man wahrhaft zahlreiche Facetten zum Thema in einem Band versammelt sehen. Mal erheiternt, mal bitter, aber immer auch auf eine Weise unterhaltsam.

Und die Lesetipps und -warnungen (Der Rabe rät und Der Rabe rät ab) sind in dieser Ausgabe mal wieder besonders schön. So u.a. Rafik Schami über „Nicht ohne meine Tochter“ mit der herrlichen Dreiwortrezension: „Aber ohne mich.“

Herbert Knebel, Boh, glaubse …

Menschen aus dem Pott braucht man Knebel sicher nicht vorzustellen. Und Menschen, die nicht aus dem Pott sind, dürften ihn innerhalb Deutschlands mittlerweile auch kennen. Mich amüsiert er ganz besonders deswegen, weil er mich an meinen Onkel Heinz erinnert. Der hatte die gleiche Brille, trug die gleichen Jacken und Mützen. Er war lediglich dicker als Herbert und hatte eine Knollennase. Dafür erzählte er aber genau solche Geschichte wie Herbert (eine meine Lieblingsgeschichten war, als er mal fälschlicherweise für tot erklärt wurde – der Knebel-Verständige ahnt, was man aus dieser Geschichte machen kann). In Boh, glaubse
sind die Kolumnen versammelt, die Knebel für die WDR-Reihe U-Punkt-Geschichten geschrieben hat. Sehr amüsant zu lesen, am lustigsten sind sie allerdings vermutlich für den, der des Pottidioms mächtig ist.

Karl Liebknecht, Briefe aus dem Zuchthaus

Ein weiterer Band aus meiner DDR-Miniatur-Bibliothek. Karl Liebknecht ist in der Geschichte des modernen Deutschen Reichs eine enorm wichtige Person, auch wenn er aufgrund des Mords durch Rechtsextreme viel zu früh aus unserer Politikerlandschaft gerissen wurde (und ich muss nicht seine politische Meinung teilen, um seine Wichtigkeit anzuerkennen). Ohne ihn wäre die Novemberrevolution anders abgelaufen, ohne ihn wäre die KPD nicht oder bestenfalls anders gegründet worden und ohne die KPD wären auch weitere politische Entwicklungen wesentlich anders abgelaufen.

Liebknecht wurde aufgrund seines Pazifismus im Jahre 1916 zu Zuchthaus verurteilt, das er kurz vor Kriegesende verlassen durfte. Aus dieser Zeit ist eine Reihe von Briefen überliefert, von denen ein Teil im vorliegenden Büchlein versammelt ist. Es sind Briefe an Verwandte und politische Freunde. Und so schwankt auch der Inhalt zwischen Privatem und Kampfparolen im Sinne der „internationalen Arbeiterschaft“.

Gut, ich gebe zu, dass ich sowas nicht lese, weil ich mich an Stil oder Inhalt ergötzte. Das sicher nicht. Aber auch diese Zusammenstellung ist ein lebendiges Stück Zeitgeschichte, und zwar sowohl im Inhalt als auch in Form. Und daher gehört es zu den der kleinen Auswahl besonderer Bücher in meiner Bibliothek.

Jörg Drews u.a. (Hrsg.), Dichter beschimpfen Dichter II

Ein Erwerb aus der Zeit, als ich mir noch sowas wie Anthologien kaufte. Gut, eine Anthologie im klassischen Sinne ist es nicht. Aber in die Richtung geht es durchaus. Der Titel beschreibt es bereits recht genau: Es sind Zitate, in denen Autoren andere Autoren beschimpfen. Klingt erst mal witzig. Sogar so witzig, dass man sich überhaupt nicht wundert, dass es zu zwei Bänden gereicht hat.

Ich fürchte, ich kann mein Jubilieren kaum unterdrücken. Richtig bemerkt – ich fand den Band nicht besonders anregend. Schade eigentlich. Aber vielleicht hatte Drews im ersten Band bereits das ganze Pulver verschossen.

Sabine Finzel, Carmen Mayer (Hrsg.), Seelenmusik

Okay, ich gestehe es, ich kenne mit Sabine Finzel eine der beiden Herausgeberinnen gut und auch wenige der in dieser Anthologie versammelten Autoren zumindest vom Sehen. Aber ich möchte betonen, hier unvoreingenommen zu werten. Es finden sich Gedichte, Kurzgeschichten, leicht Experimentelles – praktisch ist hier für jeden was dabei. Die Autoren kommen aus ganz Deutschland und Österreich, so gesehen ist es also ein sehr bunter Mix.

Und in meinem Hirn geht der Mix sogar noch weiter: Irgendwie schwant mir nämlich, dass ich das Buch qualitativ mit einer anderen Anthologie zusammen abgespeichert habe. Daher bin ich mir nur bei einzelnen Teilen sicher, zum Beispiel, dass mir vor allem die Texte von Carmen Meyer gefallen haben. Ja, da würde es sich fraglos lohnen, noch ein wenig weiter über den Tellerrand zu kibitzen. Dazu empfehle ich ihre Website Wortschätze.

Deutsche Parabeln

Ich möchte es nicht beschwören, aber ich glaube, das ist eins meiner ältesten (noch lebenden) Reclam-Heftchen. Praktischerweise wurde diese Parabelsammlung mit Texten von u.a. Lessing, Schiller, Claudius, Pestalozzi, Paul, Kleist, Brentano, Büchner, Schopenhauer, Nietzsche, Ebner-Eschenbach, Kafka, Bloch, Musil, Brecht, Frisch, Johnson und vielen anderen. Anders als andere Reclams hatte es den Vorteil, dass alle Jahre wieder mal das Thema Parabel auf dem Lehrplan stand und dasselbe Buch weiterverwendet werden konnte.

Seltsam finde ich dagegen, dass ich die Freude, die ich in Schulzeiten bei der Lektüre von Parabeln empfunden habe, nicht nur nicht mehr empfinde, sondern nicht einmal mehr nachvollziehen kann.

Michael Rau (Hrsg.), Rakes Handbuch für Leidende

Eine seltsame Anthologie, die mich als Weihnachtsgeschenk erreichte. Seltsam vor allem deswegen, weil das Cover von Perscheid und das einleitende Vorwort von Michael Rau noch verheißungsvoll klangen – hier ist vom Pech als dem viel verlässlicheren Partner die Rede –, die Qualität der einzelnen Texte und das Lektorat aber schwankt wie die Gezeiten bei Mont Saint Michel. Die Texte selbst stammen von 10 Menschen, oft aus dem norddeutschen Raum, die durchweg als Autoren zu bezeichnen ich mich weigere.

Namentlich Stephanie Claußen und Sara Johannsen haben eine miserable Art und Weise Wörter zu Sätzen zu formen, dass man bei der Lektüre nur noch laut schreien möchte. Oder um deutlicher zu werden: Die laut Infotext als Redakteurin werkende Frau Claußen befasst sich in ihrem Text auf Schülerzeitungsniveau mit dem Vegetarismus, dem sie selbst frönt. Was sie sich hier zusammengestümpert hat, ließ mich dermaßen wütend werden, dass man nach der Lektüre denken könnte, vegetarische Ernährung mache strunzendumm. Eine ganze Reihe von Vegetariern in meinem Bekanntenkreis bestätigt mich allerdings in der Meinung, dass Frau Claußen eher die strunzendumme Ausnahme von der Regel ist. Über Frau Johannsens Überlegungen zur Soap-Opera-Sucht möchte ich lediglich anmerken, dass die langweiligsten Befindlichkeiten von Langweilern in einer langweiligen Darstellung – ABSOLUT UNINTERESSANT SIND!

Wenn man dann auch noch – auffallenderweise vor allem in den ohnehin schlechtesten Texten – permanent Kommafehler und „das“ statt „dass“ und vice versa und andere Stümpereien der Lektorin Michaela Kenklies lesen muss, dann steht man spätestens ab Seite 100 kurz vorm ersten Axtmord. (Überraschend genug, dass Frau Kenklies sich im Buch hat nennen lassen, es sei denn, es handele sich darum um ein Pseudonym, um den Verdacht auf eine verhasste Nachbarin zu lenken.)

Doch ich möchte nicht nur meckern. Mindestens ein Text war mehr als angenehm in der Lektüre. Die Geschichte über die „ersten Leiden des jungen G.“ von Gerlis Zillgens zeugt von gewissem Ideenreichtum und einer Grundfähigkeit, mit dem deutschen Wort umgehen zu können, die man den meisten anderen Satzkillern dieser Anthologie absprechen muss.

Gregor Laschen, Wolfgang Schiffer (Hrsg.), Ich hörte die Farbe Blau

Aus der Phase, als ich noch gern privat Lyrik las. Irgendwie ist das inzwischen auch verflogen. Mag aber daran liegen, dass man für Lyrik Zeit mitbringen muss, die mir heute leider an allen Ecken und Enden fehlt.

Der Band vereint einen Querschnitt durch die moderne isländische Lyrik und war nicht nur für mich selbst eine angenehme Zusammenstellung, sondern kam auch als Geschenk bei solchen Menschen gut an, die noch den Wert eines guten Gedichts zu schätzen wissen.

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