Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Thomas Coraghessan Boyle, América

Als Person fand ich T.C. Boyle ja durchaus schon länger interessant. Einen Anlass, etwas von ihm zu lesen, bot sich dagegen über die Jahre partout nicht – bis der Roman América im letzten Jahr als Gratisbuch auf der Buch Wien verschenkt wurde. Zu der Frage, warum da grundsätzlich bekannte, sich gut verkaufende Autoren gratis rausgegeben werden, aber nie aufstrebende Jungautoren, die man auf diese Weise fördern könnte, schweige ich an dieser Stelle lieber.

Nun denn, ich dachte: Das ist doch mal eine Gelegenheit. (Betonung auf das.) Schließlich begann ich um die Weihnachtstage mit der Lektüre, hing dann wegen mangelnder Zeit lang mittendrin fest, konnte das Buch aber vor kurzem beenden.

Fassen wir es zusammen: Gute Erzählung, auch gut erzählt. Stilistisch sind Boyle und/oder der Übersetzer Werner Richter bestenfalls so lala. Das zeigt sich schon in der Tatsache, dass ich mir aus 460 Seiten Taschenbuch lediglich zwei Sätze notiert habe, die eine interessante Formulierung beinhalten. (Zum Vergleich: Bei Montaigne ist es beinah umgekehrt.)

Besonders bizarr finde ich, dass die nordamerikanische Hauptfigur Delaney so nah an der Person Boyle zu sein scheint, dass sie seltsam aus der Handlung schwebt. Sie gehört nur teilweise zu den Figuren im Roman. Gleichzeitig besticht die mexikanische Hauptfigur Cándido durch einen Aufbauwillen, der mich vor allem zum Ende hin wiederholt an Hamsuns Segen der Erde erinnerte. Hier versucht jemand, gegen sämtliche Widerstände seinem Schicksal ein kleines bisschen Glück abzutrotzen und nimmt keine Rücksicht auf persönliche Verluste. Ja, die meiste Zeit beklagt er sich nicht einmal.

Wie dem auch sei. Ich löge, wenn ich das Buch guten Gewissens empfähle. Aber schlecht ist es auch nicht. Es macht mir nur keine Lust auf mehr Boyle.

Thomas Bernhard, Elisabeth II.

Als ich das letzte Mal in Wien war, erzählte ich meinen Gastgebern, dass ich mir eigentlich als Mitbringsel einen Bernhard genehmigen wollte, was ich leider zeitlich nicht geschafft habe. Da meldete sich die Gastgeberin und erzählte davon, dass sie mal im Burgtheater ein Spiel von ihm gesehen hatte, bei dem es den Volltext im Programmheftchen gab. Kaum in ihrer Wohnung angekommen grub sie den Text aus und gab ihn mir mit (ich muss gestehen, dass mir noch nicht ganz klar ist, ob es ein Geschenk oder leihweise war, das muss ich noch klären). Nach meinen ersten Bernhard-Erfahrungen war ich hochgespannt, ob diese Qualitäten auch hier erfüllt würden, wurde aber zunächst etwas enttäuscht. Gut, die Hauptfigur der Nichtkomödie ist Menschen gegenüber zwar ähnlich freundlich gestimmt, wie Bernhard an sich, aber mir war es doch etwas zu milde im Vergleich zu dem, was ich bereits von ihm kannte. Aber zum Glück gab es zusätzlich zum Theatertext hinten auch ein paar Seiten, auf denen Bernhard ein wenig aus seinem philosophischen Schatzkästlein plaudert. Und hier dreht er wieder hübscht auf. Also ein nettes Geschenk (oder Leihexemplar, siehe oben), aber ich erwarte doch etwas mehr von Bernhard.

Ulrich P. Bruckner, Für ein paar Leichen mehr. Der Italo-Western von seinen Anfängen bis heute (erweiterte Neuausgabe)

Na? Wer erinnert sich noch an mein lustiges Godzilla-Filmlexikon? Und vielleicht auch an das Outlaw-Lexikon? Tja, was könnte da die logische Fortsetzung sein? Richtig, der Bruckner.
Wer mehr als drei Spaghettiwestern sein eigen nennt und sich weitere gern anschaut, wenn sie im Empfangsgerät ausgestrahlt werden, wird über kurz oder lang nicht an diesem umfassenden Werk vorbeikommen. Es ist so ziemlich das schlauste Nachschlagewerk, das ich in dieser Hinsicht besitze. Und entsprechend gern wird es zur Hand genommen. Beschweren möchte ich mich allein über die lausige Bindung, weil sich schon nach wenigen Öffnungen erste Schwächen andeuteten. Der Tag, an dem mir Seiten entgegenkommen werden, dürfte nicht mehr fern sein. Aber was erträgt man nicht alles, wenn der Inhalt stimmt? Und der stimmt hier garantiert!

Francois Bondi, Ragni Maria Gschwend, Italo Svevo

Svevo ist mir irgendwie sympathisch. Man mag sich ja leicht täuschen, wenn man versucht, Menschen einzuschätzen, die man nur sehr indirekt und womöglich über weite Räume oder Zeiträume getrennt „kennenlernt“, aber ich habe meines Wissens nur Zeilen über Svevo gelesen, die ihn als einen Menschen darstellten, mit dem man gern ein Glas Chianti getrunken und ein wenig parliert hätte. Zu diesem Bild trägt die kleine Rowohlt-Biographie erneut bei. Ettore, lass uns anstoßen!

Thomas Bernhard, Ja

Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass ich mich lange, viel zu lange, um genau zu sein, gesträubt hatte, etwas von Bernhard zu lesen, obwohl mir ein Exkollege seit Jahren schon, da war er noch nicht einmal Exkollege, als seine Empfehlungen begannen, den Bernhard ans Herz gelegt hatte, weil ich ihn dringend lesen sollte; er ahnte, oder besser: wusste wohl, dass ich gedanklich eine gewisse Verwandtschaft mit diesem Lästermaul besitze, dass ich mich wunderbar hineindenken kann in diese nicht enden wollenden Sätze, Überlegungen und Wiederholungen, genau wie die Empfehlungen übrigens, die sich ja auch über die Jahre wiederholt haben, in nahezu jeder E-Mail sogar und jetzt, endlich, jetzt habe ich zugegriffen, wegen eines Angebots, wie ich zugebe, eines günstigen Angebots, bei dem ich nicht Nein sagen konnte oder nein, eigentlich wollte, denn ich war ja durchaus neugierig, was es denn jetzt mit der Schreibe dieses Ösis auf sich hat und warum sie mir gefallen sollte, also bestellte ich das Buch, bekam es auch, und obwohl ich gerade ein anderes, viel dickeres Buch begonnen hatte (dazu später mehr), dachte ich: Na toll, lieste den dünnen Bernhard eben in der Bahn, brauchste dir dann auch keinen Bruch nicht zu heben mit der Gesamtausgabe der Jahrestage, und ich las und las, keine zwei Tage Pendelei per Bahn brauchte ich, dann hatte ich Ja durchgelesen und mich, ja ich gebe es doch zu!, amüsiert gehabt, denn es ist ein gutes Buch, auch wenn ich einräume, dass ich mich die ersten Seiten erst ein wenig daran gewöhnen musste, weil es wie ein Schwall kalten Wassers war, der mir da ins Gesicht schoss – oder soll ich „schoß“ schreiben, dem österreichischen Idiom gemäß? –, aber spätestens nach 20 Seiten war ich so begeistert, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte und wie nur bei wenigen Büchern die Bahn verfluchte, dass sie trotz Verspätung schon angekommen gewesen war und ich aussteigen und zur Arbeit beziehungsweise am Abend eben nach Hause gehen musste, verfluchte Teufelei, ich werde mehr lesen müssen und Bernhard ob des Suchtfaktors verfluchen, denn ja, genau das ist es doch, eine Droge, eine Lesedroge, die anfällige Wortjunkies wie mich in ihren Bann zieht und nicht mehr loslässt, wenn sie einmal angefixt sind, so betrachtet ist es sogar eine Unverschämtheit, dass er überhaupt so geschrieben hat, so atemlos, so herabsetzend, so sich selbst aufpeitschend, und dass er mir empfohlen wurde und überhaupt, aber was schreibe ich hier eigentlich, das liest ja sowieso niemand, ich sollte meine Kräfte lieber für die nächste Rezension aufsparen Punkt.

Irmela Brender, Christoph Martin Wieland

Von Wieland kenne ich leider viel zu wenig, um ihn als Autor wirklich beurteilen zu können (praktisch nur Ausschnitte). Als Mensch finde ich ihn aber schon länger interessant. Da brauchte ich nicht lang zu überlegen, als ich diese Rowohlt-Biographie in die Finger bekam – sie wurde gekauft, gelesen und für interessant befunden.

Gut, die Rowohlt-Bios gehen nicht ans Eingemachte, aber ich finde sie regelmäßig gut genug, damit man einen schnellen Eindruck über das Leben einer bestimmten Person gewinnen kann. Und hier in diesem Fall hat es sich ja auch wieder gelohnt. Denn man erfährt Interessante über den eigensinnigen Kopf Wieland, der bei mir ein wenig den Eindruck erweckt, dass er in der falschen Zeit gelebt hat. Auf jeden Fall wirkte in ihm eine Geistesgröße, die sehr fein mit Sprache umzugehen wusste. Und das ist ja schon mal ein guter Anfang.

Charlotte Brontë, Jane Eyre

Es gibt vermutlich in meiner näheren Umgebung nicht ausreichend Asche, die ich auf mein Haupt schütten könnte, weil ich so spät zum ersten Mal einen Roman aus dem Hause Brontë gelesen habe. Ich weiß auch gar nicht recht, warum sich das so lange hingezogen hat: Eine frühere Freundin hat sie sehr ausgiebig gelesen (sogar das Angria-und-Gondal-Gezumsel, das qualitativ in einer wesentlich tieferen Liga spielen dürfte) und auch Schmidt, einer meiner Leib- und Magenautoren, hat sie ausgiebig gelobt. Trotz allem, irgendwie kam es nicht dazu. Nun hatte ich aufgrund einer Buchtauschaktion die Gelegenheit, Jane Eyre erst meiner Bibliothek und dann meinem Lektürezentrum einzuverleiben.

Nun zu meinen Eindrücken. Die ersten zwei, drei Seiten haben mich überrascht. Ich war verwundert, weil ich die Sätze lang, verschlungen und stellenweise unvorteilhaft fand. Nicht schlecht, wohlgemerkt, aber umständlich. Doch bevor ich mich versah, versank ich im Treibsand der Buchstaben und Wörter. Es gab Kapitel, da war ich im Text versunken wie sonst nur bei Murakami. Allerdings muss ich auch anmerken, dass dieses Versunkensein immer seltener vorkam, je mehr ich mich dem Ende näherte. Ich vermute, es lag daran, dass der St.-John-Indien-Komplex dann doch etwas zu retardierend war. Zumal die Entdeckung eines bislang unbekannten Familienzweigs mich ohnehin an die schwächsten Stellen von Goethe & Co. erinnerte. Ich gehe davon aus, dass man diesen Quark dem Zeitgefühl verdankt – was schade ist, weil sich der Text in seiner Ichsicht und Entwicklung gerade von Zeitgenössischem verabschiedet. Ein klein bisschen Radikalität hätte ihm daher auch in der Story nicht geschadet.

PS: Es war natürlich typisch, dass auf Arte eine vierteilige Verfilmung gezeigt wurde, während ich das Buch zu Ende gelesen habe.

Mary Lynn Johnson, John E. Grant (Ed.), William Blake’s Poetry and Designs

Wie manch anderer Lyrikband auch muss ich bei diesem eine winzige Ausnahme machen. Nein, ich habe nicht alle Texte Blakes gelesen, aber ich schätze diesen Band nicht allein wegen seiner mir bekannten Texte, sondern auch wegen der hochspannenden Illustrationen, die mich in manchen Details an Bilder aus Prinzhorns Bildnerei der Geisteskranken erinnern. (Und zumindest insofern müsste ich Schmidt eigentlich recht geben, wenn er Blakes Lyrik als „die Gesänge eines Irren in ausgedachten Landschaften“ bezeichnet.)

Kurz: Meine beiden Blake-Lieblinge sind hier der Tyger und die Marriage of Heaven and Hell. Nebenbei möchte ich aber auch auf einen meiner Lieblingsfilme hinweisen: Dead Man von Jim Jarmusch – hier spielt Johnny Depp einen (angeschossenen) Mann, der zufälligerweise William Blake heißt und von einem Indianer für den großen Dichter gehalten wird.

Peter Buwalda, Bonita Avenue

Zur Abwechslung habe ich mir mal wieder ein aktuelles Buch vorgenommen. Wobei es sich bei einem Buch, an dem der Autor vier Jahre geschuftet hat und das dann auch noch übersetzt werden musste, eigentlich nur bedingt aktuell genannt werden kann.

In der Bonita Avenue geht es um eine niederländische Patchworkfamilie aus Siem Sigerius und seinem Sohn aus erster Ehe, um Siems Frau Tineke und deren Töchter Joni und Janis sowie um Aaron, Jonis langjährigem Freund.

Die Geschichte dieser Familie wird durch allerlei Rückblendungen, Überschneidungen und Erinnerungen langsam zusammengepuzzelt, so dass nach und nach ein Wandteppich aus Betrug, Pornografie, Psychosen, Kriminalität, Erpressung, Gewalt und was ihr euch auch immer vorstellen wollt, entsteht. Die Figuren erwachen selbst in dieser Schreckenswelt, als im Jahr 2000 die Kleinstadt Enschede mehr oder weniger in die Luft geht.

Ihr merkt schon, da steckt ne Menge drin. Und ja, das ist vermutlich eine Schwäche: Das Buch ist inhaltlich zu interessant.

Buwalda hat einfach viel zu viel hineingestopft, um auch nur ja so gut wie kein Problem auszulassen (wenn man mal von Missbrauch und Fremdenhass absieht).

Es gibt aber noch eine andere Schwäche. Und die ist wesentlich gravierender. Das Buch ist technisch Bockmist. Die Sätze sind dermaßen verschachtelt, dass es gerade zu Anfang eher die Regel als die Ausnahme ist, einen Satz zweimal zu lesen. Irgendwann gewöhnt man sich vermutlich dran und/oder liest konzentrierter. Aber das ist praktisch auch egal, weil man, je mehr Kapitel man abgeschlossen hat, umso mehr an der Gestaltung der Kapitel leidet.

Immerhin versucht Buwalda wenigstens durch Perspektivwechsel den Kapiteln (und Figuren) einen eigenen Charakter zu geben. Leider erfolglos. Denn die Sätze sind in allen Kapiteln gleich katastrophal. Und das wird nicht besser, wenn in einem Kapitel mal die Ich-Perspektive genutzt wird und in der anderen ein quasi-auktorialer Erzähler spricht, der letztlich nur für Verwirrung sorgt, wenn auf einer Seite zeilenweise von zig „ers“ die Rede ist, die man erst anhand ihrer Handlungen mühselig auseinanderpopeln muss, weil man sonst nicht weiß, wer was tut. Übrigens glaube ich, dass aus diesen lieblosen Perspektivwechseln ein weiteres Problem entsteht: Die Figuren werden auf den 640 Seiten einfach nicht lebendig. Sie sind einfach tot, weil sie alle im ewig selben doofen Buwalda-Stil sprechenlebenerzählenschreiben.

Ich motze ganz schön viel über das Buch, wie? Wisst ihr, was mich am meisten aufregt? Obwohl ich hier was zu moppern habe und da was zu moppern habe, IST DAS BUCH AUCH NOCH INTERESSANT! Ja, die Lektüre macht auf ihre Weise durchaus Vergnügen. Aber sie könnte eben besser sein, wenn diese nervigen Unzulänglichkeiten nicht wären!

So, und einen Punkt hab ich noch, den ich hier loswerden muss. Mancher mag mich schlagen, dass ich damit etwas Inhaltliches verrate, aber das ist mir jetzt egal. Joni beginnt neben einer wirtschaftlichen Ausrichtung eine Karriere im Pornobusiness. Damit landet sie letztlich in einem amerikanischen Pornounternehmen, das sich eines jungen Porno-Starlets annimmt. Dieses Starlet startet eine großartige Karriere unter dem Namen Bobbi Red (der erste Vorschlag Gigi Green wird abgelehnt), landet in der Talkshow von Tyra Banks und spielt schließlich in einem Steven-Soderbergh-Film mit. So. Und bei wem es jetzt noch nicht geklingelt hat, dem empfehle ich die Lektüre dieses Eintrags hier inklusive aller Details. Die Dame ist nämlich schon vor Jahren auch in der ganz bürgerlichen deutschsprachigen Presse angekommen. Und ganz ehrlich, lieber Peter Buwalda, diese Figur ist dermaßen billig geklaut, dass man die entsprechenden Seiten unter Abgesang kultischer Gesänge aus deinem Buch herausreißen sollte.

Gogols Mantel – Erzählungen aus Russland

Eine nette kleine Anthologie russischer Autoren durch etliche Jahrzehnte russischer Kultur. Gogol, Dostojewskij und Tolstoj dürften noch die meisten kennen, aber hat hier wer schon Babel, Charms und Terz gelesen? Also ich abgesehen von der Anthologie jedenfalls noch nicht. Und ich finde es durchaus spannend, welche Wege sich intelligente Autoren suchten, um in der sozialistischen Diktatur überleben zu können. Die Texte muten bisweilen an wie Schachspiele mit dem FSB. Die Autoren, die das Spiel gewannen, brauchten nicht nach Sibirien.
Hier einmal die Liste der einzelnen Texte:

  • Nikolaj Gogol, Der Mantel
  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Sanfte
  • Lew Tolstoj, Der Tod des Iwan Iljitsch
  • Anton Tschechow, Die Dame mit dem Hündchen
  • Isaak Babel, Es waren ihrer neun
  • Daniil Charms, Störung
  • Iwan Bunin, In Paris
  • Abram Terz, Pchenz

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