Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Mein Vater Seite 2 von 4

Mein Vater (23)

Mein Vater konnte zeichnen. Das konnte er nicht nur, weil er es beruflich gelernt hatte, sondern weil er es auch früher schon konnte. Meine Schwester hatte z.B. lange Zeit ein Bild in ihrem Zimmer hängen, das mein Vater zu seiner Schulzeit angefertigt hatte. Es zeigte einen Schuster bei der Arbeit, wie er in seiner Werkstatt saß und auf einem Absatz hämmerte. Das Bild war mit Bleistift gezeichnet, sehr ordentlich und schon beinah technisch. Die Flächen waren mit Wasserfarben oder Ähnlichem aquarelliert. Das Einzige, was bei dem Bild seltsam wirkte, war das steife Gesicht des Schusters im Profil.

In der Grundschule, das muss in der ersten Klasse gewesen sein, als ich noch nichts mit Lucky Luke am Hut hatte, da war ein Schüler namens Mark, der zeichnete eine ewig gleich aussehende Figur, die er als einen der Daltons von Lucky Luke bezeichnete. Ich lernte schnell, seine Figur nachzuzeichnen und malte sie auf alles Mögliche. Als wir zu der Zeit auf Texel waren, in dem Motel, schaute sich mein Vater das Bild an und meinte, dass so doch kein Cowboy aussähe. Also strich-skizzierte er mir einen Cowboy, bei dem mich vor allem der echt aussehende Cowboyhut faszinierte. Jahre später lernte ich dann auch die richtigen Daltons nachzuzeichnen, schwenkte aber schon bald auf Donald Duck und andere Barks-Figuren um, bevor ich aus dieser Basis eigene Figuren entwickelte.

Mein Vater (22)

Mein Vater hatte Sinn für Traditionen. Ich war noch keine 6, da ließ er beim Juwelier ein Geschenk fertigen, das ich zur Konfirmation bekommen sollte. Aus einer goldenen Uhr und einem goldenen Armband, das meine Oma mal meinem Opa geschenkt hatte, wurde so eine neue Tradition begründet, die ich nicht weiterführen kann. Die Konfirmation wollte ich nur wegen der Kohle. Der Konfirmandenunterricht wurde geleitet von dem Pfarrer, der meinen Vater beerdigt hatte. Der Unterricht war eine Farce, denn schon durch das erzwungene Aufsagen von Glaubensbekenntnis und anderem Blödsinn mussten wir ihn belügen. Vielleicht glaubten die meisten von uns an Gott, aber niemand von uns glaubte, dass er der Schöpfer von Himmel und Erde sei. Zur Konfirmation selbst durften wir uns einen Spruch auswählen, mit dem wir uns identifizierten. Ich wählte irgendeinen Spruch, in dem das Wort Vater vorkam. Es war ein besonders anziehendes Wort für mich, der ich bis heute Worten eine Art magische Bedeutung beimesse.

Mein Vater war ehrlich. Einmal spielte ich mit meinem Schulfreund Michael vor der Grundschule. Es muss einen Tag nach der Bundestageswahl im Oktober 1980 gewesen sein. Vor der Grundschule stand (und steht auch heute noch) eine Absperrung, damit die Kinder nicht direkt auf die Straße laufen können. An der rechten Seite der Absperrung war eine Laterne, an der Laterne ein typischer Essener Mülleimer. Michael und ich turnten, kletterten, sprangen auf der Absperrung herum und zufällig schaute ich in den Mülleimer. Ich sah einen 50-Mark-Schein zwischen Papierfetzen. Ich griff hinein, holte den Schein heraus, Michael machte große Augen und fischte einen zweiten heraus. Ich bin mir nicht sicher, glaube aber, dass ich nie zuvor so viel Geld selbst in den Fingern gehabt hatte. Feiernd und jubilierend gingen wir zu mir nach Hause und zeigten meinen Eltern die Beute. Meine Schwester wurde neugierig und wir gingen mit ihr zurück zum Mülleimer, in dem sie noch einen 20-Mark-Schein fand. Die Schnipsel entpuppten sich nun als Reste von Wahlunterlagen. Mein Vater schnappte Michael, mich und das Geld und fuhr mit uns zur Polizei. Das war enorm spannend für uns. Hinter dem Tresen saß ein Polizist, ein weiterer empfing uns stehend. Mein Vater erzählte, wir Jungs hätten Geld gefunden und kramte sein Portemonnaie heraus. Er legte den 20-Mark-Schein auf den Tresen, der Polizist grinste nur. Er legte den ersten 50-Mark-Schein auf den Tresen und der Polizist machte große Augen. Als mein Vater auch den zweiten 50-Mark-Schein auf den Tresen legte, staunte der Polizist dann doch. Er nahm unsere Daten auf und verkündete, dass wir das Geld bekämen, wenn sich ein Jahr lang niemand melden würde, um den Verlust des Geldes anzuzeigen.

Ein Jahr später, mein Vater war bereits tot, bekamen wir tatsächlich das Geld ausgezahlt. Und für unsere Ehrlichkeit, die ja eigentlich die Ehrlichkeit meines Vaters gewesen war, erhielten wir vom Polizeipräsidenten zwei Karten für die Polizeishow in der Grugahalle. Michael lebte inzwischen in Lübeck, deshalb schickten wir ihm seinen Anteil und ich ging mit meiner Oma mütterlicherseits zur Show.

Mein Vater (21)

Mein Vater war ein Kneipengänger. Wie jeder gute Potti seiner Zeit frequentierte auch er die klassischen Eckkneipen, die heute nach und nach wegsterben, genau wie ihre Kundschaft. So gesehen war mein Vater ein Trendsetter. Er ging in die Annenschänke bei uns im Haus zum Feiern, Trinken, Kegeln. Er ging zum Haus Steinfort an der Ecke unserer Straße. Er ging 150 Meter weiter ins Repekus. Ein Stück um die Ecke gab es den Pottkieker. Hier gab es in Monaten auf -r immer die typischen Muschelschilder mit dieser 60er-Jahre-Grafik in den Fenstern, genau wie in der Ampütte, die zur anderen Seite vom Repekus kam. Nahe dem Pottkieker lebte eine Zeit lang Stoppok. Oder dessen Bruder. Nebenan wohnte die Familie eines Mädchens, das in meine Schule ging. Später trug sie die hässlichen Ballonmützen von Stoppok auf. Aber als sie noch kleiner war, da traf mein Vater sich schon mal gern mit ihrem Vater im Haus Steinfort. Danach blödelte er herum, er hätte mit meinem zukünftigen Schwiegervater ein Bierchen getrunken. Irgendwann kam ich empört von der Grundschule nach Hause und erklärte: Cordula werde ich nicht heiraten! Die hat sich heute in die Hose gemacht!

Es ist eine bittere Ironie, dass ich mich viele Jahre später unglücklich in eine Frau verliebte, die Cordula sehr ähnlich sah.

Mein Vater (20)

Mein Vater kam auch in Träumen vor. Ich habe mein Leben lang extrem wenig Albträume gehabt. Ich kann sie ungelogen an einer Hand abzählen und sie waren so selten, dass ich mich gut an sie erinnern kann. Einmal, da lebte mein Vater noch, träumte ich, dass unsere Familie nur in der oberen Etage der Wohnung lebte, weil die untere von den Geistern aus dem Wohnzimmer übernommen war. Ich war im Zimmer meiner Schwester oben, als sich mein Vater plötzlich aus dem Nichts materialisierte mit einem Mantel, einer Art Zauberhut und auffallend großen nackten Füßen. Es stellte sich heraus, dass er einer der größten Zauberer der Welt war. Wir gingen nach nebenan in das Zimmer mit der Bar. Hier führte die Wendeltreppe nach unten ins Geisterreich. Meine Mutter musste hinuntergehen, weil wir Handtücher brauchten. Ich ging mit ihr. Mein Vater aber, der größte Zauberer der Welt, blieb oben auf der Treppe sitzen und sortierte Schrauben in irgendwelche Schächtelchen. Bevor meine Mutter und ich im Geisterreich ankamen, wachte ich auf und ging verängstigt ins Bett meiner Eltern. Übrigens kann ich mich nicht daran erinnern, nach dem Tod meines Vaters viel von ihm geträumt zu haben. Anders war es im Jahr zuvor beim Tod meines Opas. Hier träumte ich schon bald davon, wie jemand, der wie mein Opa aussah, an unserer Tür klingelte. Die Familie saß gerade beim Frühstück (sic!). Mein Vater, der der Wohnungstür am nächsten saß, öffnete und freute sich. Der Mann im Flur sagte, nicht mein Opa sei gestorben, sondern jemand anderer und alle glaubten ihm – nur ich nicht. Ich wusste: Wer immer da vor uns steht, er ist nicht mein Opa. Aber vor lauter Freude glaubten weder mein Vater noch meine Mutter noch meine Schwester mir.

Solche Träume hatte ich nicht, als mein Vater starb. Dagegen war ich immer ganz elektrisiert, wenn ich damals auf der Straße mal jemanden entdeckte, der meinem Vater ähnlich sah. Eine beginnende Neurose. Ich überlegte, ob es sein könnte, dass er seinen Tod nur vorgetäuscht hatte, um uns zu verlassen, kam aber jedes Mal zum Schluss, dass das nicht sein könnte. Ich hatte mit diesem Tod nicht umgehen können. Deshalb habe ich ihn auch lange massiv ausgeblendet. Als ich etwa 10 war, spielte ich mal mit Freunden und einem Nachbarsjungen namens Timmy. Irgendwie kamen wir auf das Thema Briefmarken (warum auch immer) und ich sagte so etwas wie: „Mein Papa hatte auch eine Briefmarkensammlung.“ Da lachte Timmy auf und erklärte uns allen, dass man nicht „Papa“ sagte, sondern „Daddy“. Ich explodierte, bewarf ihn mit dem Erstbesten, das ich fassen konnte (Sand) und lief heulend nach Hause.

Ich glaube, ich begann seinen Tod erst zu akzeptieren, als ich 24 wurde. Da wurde mir bewusst, dass ich zwei Drittel meines Lebens ohne ihn hinter mich gebracht hatte. An diesem Geburtstag war ich gerade in Luxemburg bei einer Ausgrabung. Wir feierten zwar, aber irgendwann steckte ich mir zwei Bierflaschen in meine Kutte, schnappte mir eine dritte für sofort und ging trinkend, fluchend und schimpfend in den Wald ins Unterholz. Ich hasse meinen Geburtstag.

Mein Vater war mein Verteidiger. Einmal hatte ich viele Pfennige gesammelt, das hatte ewig gedauert. Als dieser Schatz eine anständige Summe von einer Mark irgendwas überschritt, trug ich ihn voller Stolz zur Bude, um mir ein Superman-Heft oder ähnlichen Mist zu kaufen. Aber der Dicke, der die Bude damals betrieb, lehnte es ab, meinen „Schrott!“ anzunehmen, weil er keine Lust hatte, die Münzen zu zählen. Maulend ging ich wieder und erzählte zu Hause von meinem Ungemach. Mein Vater fackelte nicht lange, er lief zur Bude und machte dem Dicken ein für allemal klar, was er annehmen sollte und was nicht. Selbst nach dem Tod meines Vaters hatte ich nie wieder Probleme an der Bude wegen irgendwas. Auch nicht, als ich mit meinem Schulfreund Peter in den Rohbau des Ruhrlandmuseums eingestiegen bin, wo wir die verdreckten Bierflaschen der Bauarbeiter sammelten, um das Pfandgeld zu kassieren, das an der Bude natürlich gleich in Süßigkeiten umgesetzt wurde.

Mein Vater (19)

Im Amateurfilmclub meines Vaters war auch ein Student, ein Herr Zeiss. Aus welchen Gründen auch immer setzte die Hälfte der Welt, die ich damals kannte, viel auf Herrn Zeiss. Er konnte sehr gut Mathe, und als meine Schwester in ihrem ersten Jahr auf dem Gymnasium in Mathe einknickte, bekam sie Nachhilfeunterricht von Herrn Zeiss. Damals trug meine Schwester kurzzeitig eine Brille, die sie zu ihrem Glück bald wieder los war, zumal man ihr ein selten hässliches Exemplar gekauft hatte. Herr Zeiss war der erste Mensch, den ich persönlich kannte und der ein Buch geschrieben und veröffentlicht hatte. Es hieß „Sommersemester, Wintersemester“ oder umgekehrt. Bei der Auflösung der Wohnung hatte ich mir einige Bücher geschnappt, darunter auch dieses schmale Gedichtbändchen, das in irgendeinem Dödelverlag erschienen war. Als ich mit 14 oder 15 zum ersten Mal bewusst darin herumblätterte, las ich den Namen Kierkegaard. Ich glaube nicht, dass mein Vater wusste, wer Kierkegaard gewesen war.

Komischerweise erinnre ich mich nicht daran, dass mein Vater mich jemals zum Kindergarten gebracht oder von dort abgeholt hätte. Ich erinnre mich aber noch daran, dass mein Opa väterlicherseits hin und wieder nachmittags kam und mich mit nach Hause nahm. Er strahlte dabei eine sehr warme Freundlichkeit aus, ja in meiner Erinnerung möchte ich fast sagen, ihn nie freundlicher erlebt zu haben als in diesen Momenten so fern von Frau und gewohnter Umgebung. Einmal malte ich im Kindergarten unsere Familie. Ich habe die Bilder heute noch, zum Glück mit handschriftlichen Notizen meiner Mutter. Auf mehreren Bildern ist entweder die Familie als Ganzes zu sehen oder aber einzelne Personen. Auf einem der Bilder steht mein Vater vor einer unförmigen Amöbe. Der Notiz auf dem Bild entnehme ich, dass ich damals erklärt hatte, mein Vater habe Angst vor einem Geist.

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Mein Vater (18)

Mein Vater frühstückte gern, vor allem an Wochenenden zeigte sich das. Ähnlich wie das regelmäßige Fondue zu Weihnachten und Silvester, das bestenfalls bei meinem Opa mütterlicherseits für Unmut sorgte („Jetzt muss ich mein Essen schon selber kochen!“), wurde beispielsweise das Sonntagsfrühstück regelrecht zelebriert. Wir hatten ein Stövchen mit zwei kleinen Pfännchen, in denen konnte man sich direkt am Tisch Spiegel- oder Rührei brutzeln. War mein Vater wochenends aus dem Haus, durfte ich seinen Platz einnehmen, dann war ich der Mann im Haus. Manchmal frühstückten wir sogar im Esszimmer, das sonst eigentlich für besondere Zwecke gedacht war. Ich erinnre mich an ein Frühstück, als ich mit meiner Schwester herumalberte, König spielte und mich mit dem Ausruf „Ich bin Kööönig!“ und meiner Tasse selbst krönen wollte. Leider wusste ich nicht, dass meine Schwester vorher Fanta in die Tasse gegossen hatte. Schon dieses Getränk war Ausweis des festlichen Charakters. Nur goss ich es mir leider über meine Rübe.

Bisweilen, wenn wir bei einem Italiener wie Franco essen gingen, bestellte mein Vater Salat mit Tintenfisch. Die Tintenfischringe bezeichnete er wegen Konsistenz und Aussehen gern als Gartenschlauch. Der olle, nahezu durchmürbte Gartenschlauch im Westerwald sah den Tintenfischringen auch verdächtig ähnlich. Hier im Westerwald gaben wir mindestens einmal im Jahr ein kleines Grillfest und luden die Nachbarn dazu ein. Einmal, in einem besonders verregneten Sommer, ließ sich mein Vater vom Wetter nicht abbringen, öffnete ein Fenster zum Wohnzimmer, stellte den Grill vors Fenster und einen Sonnenschirm darüber. Er selbst stand dann mit Regensachen draußen, wendete Würstchen und Koteletts und reichte das fertige Essen ins Wohnzimmer, wo wir mit unseren Nachbarn feierten.

Mein Vater (17)

Die Beerdigung meines Vaters war nicht die erste gewesen, die ich erlebt habe. Etwa ein Jahr zuvor war mein Opa väterlicherseits gestorben. Er hatte einen Schlaganfall gehabt, da stand er gerade hinter der Couch und klappte zusammen. Er kam ins Krankenhaus, aber nicht ins Klinikum, sondern es muss das Haus Huyssens Stiftung gewesen sein. Ich erinnre mich nur sehr wenig an diese Zeit, weiß aber noch Bilder vom letzten Besuch, bevor er starb. Es war um seinen Geburtstag herum, er konnte weder laufen noch sprechen. Er lag am Kopfende des Zimmers, direkt vor dem Fenster. Mein Opa lag halb auf der Seite, sein Kopf, sein Blick zu uns gerichtet, als wir reinkamen. Und als er uns sah, blickte er mich an und begann stumm zu weinen. Es war fast, als hätte er gewusst, dass es das letzte Mal war, dass ihn sein Stammhalter, der seinen Namen weitertragen sollte, besuchte. Nachdem er gestorben war, klinkte sich das Hirn seiner Frau komplett aus dieser Welt. Alzheimer oder sonst was schlug endgültig ein. Meines Vaters Mutti wusste kaum, wer sie war, wo ihr Mann war, was sie zu tun und zu lassen hatte. Sie versteckte Geld im Kleiderschrank zwischen der Wäsche, spülte (höchstwahrscheinlich) auch eine dreistellige Summe das Klo herunter, glaubte zudem, alle 5 Minuten pinkeln zu müssen, konnte sich aber selbst weder aus- noch anziehen. Meine Schwester und ich beschlossen nach der Beerdigung, dass unser Opa auf dem Grab ein Kreuz mit Inschrift bräuchte. Der Grabstein war noch nicht fertig und so nahmen wir uns armlange Bretter und zimmerten ein Holzkreuz zusammen, auf das wir den Namen unseres Opas schrieben. Meine Mutter fand das furchtbar, lehnte auch sofort ab, das Kreuz auf dem Grab zu errichten. Mein Vater dagegen erkannte, dass die Beschäftigung damit für uns Kinder wichtig war. Er ermunterte uns weiterzumachen, aber aufgestellt wurde das Kreuz natürlich trotzdem nicht.

Seit dieser ersten Beerdigung habe ich inzwischen an zahlreichen Beerdigungen teilgenommen. Als Enkel, Kind, Schüler, Freund – aber nie habe ich so viele Menschen auf dem Friedhof erlebt wie bei meinem Vater. Nur in der Kapelle war die Familie zusammen mit den besten Freunden allein. Der Pastor, der die Trauerpredigt hielt, war unserer Familie gut bekannt. Der Unsinn, den er bei der Feier erzählt hat, hat mich schon damals von diesem Glauben entfremdet, der in jedem Mist, der passiert, den „weisen Ratschlag“ sieht, den wir eben nur nicht verstehen – egal ob man früh Halbwaise wird, eine Katze überfahren wird oder sechs Millionen Menschen vergast werden. Aber es ist natürlich immer bequem, wenn man selbst keine Schuld an irgendwas hat, sondern der Herrgott die medizinische Behandlung verpatzt, das Steuer eines Besoffenen lenkt oder scheinbar harmlose Kleinbürger zu erfolgreichen Massenmördern macht.

Meine Schwester und ich hatten bei der Beerdigung meines Vaters versucht, zur Aufbahrungshalle zu gehen. Mein Opa mütterlicherseits entdeckte uns frühzeitig, versperrte uns den Weg und schob uns in Richtung Kapelle. Er wollte nicht, dass wir einen Toten sehen. Ironie der persönlichen Geschichte ist, dass derselbe Opa der erste Mensch war, den ich tot gesehen habe, wenn auch erst viele Jahre später. Abgemagert hatte er ausgesehen, ausgezehrt vom Krebs, der ihm von der Lunge ausgehend den Körper mit Metastasen verseucht hatte. Der kleine Kopf lag nach hinten gekippt, der Mund offen, leicht verkrampft. An einen toten Vogel hatte er mich damals erinnert, so wie ich mal einen auf dem Hof entdeckt hatte. Ameisen und Maden krochen durch den Federbalg und erledigten ihre Arbeit, nahmen früheres Leben auf, um es weiterzugeben.

Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass ich später als Archäologe Tote ausgegraben habe. Das war ein Teil des An-Altem-Festhaltens, so wie ich auch heute noch Möbel von meinem Vater habe.

Die weiß-schwarze Stehlampe aus den 60ern zum Beispiel. Objektiv kaum das schönste Exemplar ihrer Gattung. Ihr Wert ist ein sentimentaler. Das gilt noch mehr für den Wohnzimmertisch, an dem ich mit meinem Vater gespielt habe und er mir die Haare gestreichelt hat. Das gilt aber auch für den Schreibtisch meines Vaters. Das heißt, ich benutze ihn heute als Schreibtisch, eigentlich ist es nämlich ein Zeichentisch, dessen Arbeitsfläche man kippen kann. Er stand jahrelang auf dem Boden und wurde zum Bügeln benutzt, bis ich ihn mir genommen habe. Oder die hässliche Bank, auf der heute mein Fernseher steht so wie vor mehr als 30 Jahren der orangene TV-Kasten in der Bar. Oder das jahrzehntealte emaillierte Küchensieb meiner Oma väterlicherseits, in dem ich heute noch meine Spaghetti abgieße.

Mein Vater (16)

An der Grundschule hatte mein Vater sich ebenfalls engagiert. Er war im Elternrat, ich glaube sogar als Vorsitzender, bin mir da aber nicht sicher. Einmal gab es an der Schule ein Sommerfest, da galt es etwas zu klären wegen der Gasflaschen für die Ballons, die wir später mit einer Karte steigen lassen wollten. Deshalb ging mein Vater mit meiner Lehrerin und dem strengen Hausmeister, der aus den Fahrrädern vor unserer Schule regelmäßig die Luft rausließ, weil wir nicht mit dem Fahrrad kommen durften (es gab nur eine Ausnahme, als ein Schüler weiter weg zog), in den Keller und ich durfte stolz mitkommen. Bei dem Sommerfest gab es auch einen Nagelwettbewerb und ich als Schreinerenkel konnte die Nägel mit den wenigsten Schlägen in den dicken Balken prügeln.

Als ich eingeschult wurde, hatte ich mir vorgestellt, dass meine Lehrerin schulterlange blonde Haare haben müsste. Das erzählte ich natürlich meinen Eltern. Leider hatte die Klassenlehrerin aber einen schwarzen Bob mit vielen grauen Strähnen. Mein Vater machte sich den Spaß, ihr am ersten Elternabend von meinen Blondinenvorstellungen zu erzählen, was sie wohl recht amüsant fand. Im Januar nach dem Tod meines Vaters sollten wir bei dieser Lehrerin einen Aufsatz über unser Weihnachtsfest schreiben, über unsere Feiern, unsere Geschenke. Ich glaube, der Aufsatz ist einer der Gründe, warum ich mich noch recht gut daran erinnern kann. So glänzte ich eben auch dadurch, dass ich Walkie-Talkie korrekt schreiben konnte. Nachdem die Lehrerin die Aufsätze gelesen hatte, fragte sie mich, ob man an Weihnachten schon merken konnte, dass es meinem Vater schlechter ging. Man konnte, und ich erzählte ihr auch das. Ich weiß sogar noch, was ich meinem Vater zu seinem letzten Weihnachten geschenkt habe: Es war eine Kerze in Form einer stehenden Maus mit Mantel und Zylinder. Kitsch. Aber Kitsch, den ich als Kind lustig und schenkenswert fand. Die Kerze stand noch viele Jahre in unserem Sideboard, wenn ich mich recht entsinne, neben meiner Geburtstagskerze, die von 1 bis 18 im Zentimeterabstand durchnummeriert war. Jeden Geburtstag kam sie auf die Festtagstafel, dann wurde das vergangene Jahr abgefackelt.

Meine Grundschullehrerin war auch bei der Beerdigung dabei gewesen. Und als sie ans Grab kam, um uns ihr Beileid auszusprechen, war das der einzige Punkt während der Beerdigung, an dem ich meine Tränen nicht mehr unterdrücken konnte. Vorher und Nachher war mein ganzer Körper wie taub gewesen.

Mein Vater (15)

Zu Karneval war unser Viertel und auch die Kneipe unten bei uns im Haus besonders voll. Die Leute natürlich auch. Und auch meine Eltern feierten fleißig mit. Mal ging mein Vater als Schotte und sein steinreicher Freund als Ölscheich. Auf jeden Fall hieß es hoch die Tassen. Mein Onkel behauptete Jahre später, mein Vater sei öfter mal „angeschickert“ gefahren. Das weiß ich nicht, aber es kann schon sein. Selten erlebten wir Kinder unsere Eltern auch unten in der Kneipe richtig feiern. Denn obwohl wir wussten, dass sie da mit dem Kegelclub feierten oder mitfeierten, wenn der Gesangsverein Sanssoucis seine Treffen veranstaltete, erlebten wir sie unter Alkohol eher selten. Ich kann mich aber noch an ein Silvester erinnern, ich zeigte meinen Eltern und den Wirtsleuten, wie ein Monchichi-Mann aussieht (einfach der Puppe den Schwanz zwischen den Beinen nach vorn stecken), später durften wir Kinder unten gratis kegeln. Das konnten wir sonst nur, wenn Onkel Heinz die Bahn abzog und wir die frisch abgezogene Bahn einweihen durften. An Silvester nun spackten wir auch fleißig herum und ich beschleunigte die Balltransportmaschine ein wenig so, dass meine Schwester sich zum ersten Mal etwas brach – einen Finger. Ab da brach sie sich jährlich irgendein Körperteil. Ich glaube, sie hatte beide Arme, nahezu alle Finger und einmal ein Bein gebrochen. Die Beinnummer war besonders fies. Sie hatte mich huckepack die Treppe runtergetragen, das Gleichgewicht verloren und – knacks. Unsere Eltern waren nicht da, aber unser Vater kam kurz darauf und war sauer. Denn meine Schwester hatte ihr Zimmer aufräumen sollen, anstatt die Treppe mit mir unsicher zu machen. Also schickte mein Vater sie mit dem gebrochenen Bein die Wendeltreppe rauf, denn damals hatte sie ihr Zimmer oben unterm Dach, zwischen Bar und Trockenboden. Aber als das Bein zu dick wurde, wurde auch meinem Vater klar, dass es etwas Übleres war und fuhr mit ihr ins Krankenhaus, wo sie einen dicken Gips bekam, den wir später natürlich alle bemalen durften. Und als wir Kinder Rollerskates bekamen und im Dorf des Ferienhauses damit herumfuhren (ich war ein Stümper damit, meine Schwester recht gut), da schoss sie einen besonders steilen Berg herunter und knallte gegen eine Bordsteinkante und brach sich einen Arm. Sie wusste sofort, was los war. Aber sie traute sich wegen der vielen Brüche nicht ins Haus, sondern saß heulend und schluchzend auf der Betonwand des Blumen- und Zedernbeets vor dem Haus.

Mein Vater hatte sich auch mal ein Bein gebrochen. Da lag er mit einem der Aldi-Brüder in einem Zimmer und der Aldi-Bruder hat meinen Vater zugetextet, wie gut die Qualität doch der Aldi-Produkte sei. Und das muss kurz nach der Entführung des einen Albrechts gewesen sein, weil die Leute im Krankenhaus alle sehr nervös gewesen waren.

Ich selbst habe mir noch nie etwas gebrochen. Aber einmal, da waren meine Eltern essen oder feiern oder Freunde besuchen, da waren wir abends allein. Unter uns waren Leute eingezogen, eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter, die war etwa so alt wie meine Schwester. Und dieses Mädchen, Nicole, kam rauf und wir drei sprangen und alberten im Zimmer meiner Schwester herum. Und mit einem Mal sprang ich von der Schlafcouch, in die ich meine Schwester im Rahmen einer Mutprobe einmal habe einsperren dürfen (ich selbst traute mich hinterher doch nicht rein), auf den Boden, aber da stand ein Glas und ich sprang also ins Glas, es zerbrach und ging in Scherben und schlitzte mir den Fuß auf und eine Nachbarin, eine Tante, wurde von meiner Schwester gerufen und es blutete wie Sau und tat weh und sie verband es irgendwie und irgendwann schlief ich ein. Und am nächsten Morgen wollte mein Vater nachschauen, wie schlimm es sei, indem er den Verband lösen wollte, aber der Verband war total verklebt von dem vielen Blut und ganz vertrocknet. Und mein Vater ging und holte aus der Apotheke irgendein fieses Zeug, kann es Borwasser gewesen sein? Und das träufelte er mir über den Fuß, den ich übers Bidet halten musste und es brannte wie Feuer, aber der Verband löste sich und dann konnte mein Vater sehen, das ich ins Krankenhaus musste. In der Ambulanz lag ich lange auf dem Tisch, an der Wand ein Poster mit chirurgischen Nadeln und während mein Vater und ich auf den Arzt warteten, alberte er herum und machte mir Angst, dass es bestimmt genäht werden müsste. Ich wurde geröntgt, aber nähen konnten sie nicht mehr, weil ich zu spät ins Krankenhaus kam und sie klebten den Hautlappen, der da noch hing, mit irgendwelchen komischen Silberfäden drauf, aber der Lappen wuchs nie wieder an, sondern fiel später beim Heilungsprozess ab. Ein paar Jahre lang bildete ich mir ein, Wetterwechsel in der Narbe zu bemerken, aber heute bin ich mir sicherer denn je, dass es sich dabei um eine Selbsttäuschung handelte. Mit dem kaputten Fuß blieb ich zunächst ein paar Tage zu Hause. Als ich dann wieder in die Grundschule ging, humpelte ich mir einen zurecht. An Sport nahm ich die ersten Wochen nicht teil.

Mein Vater (14)

Den Wunsch nach einem Aquarium verbinde ich übrigens nicht nur mit dem Zooladen im Rhein-Ruhr-Zentrum. Ich kann mich auch daran erinnern, wie ich zusammen mit meinem Vater beim Herrenfriseur war, denn ich war ja schon groß (4 oder so). Der Friseur war direkt vor dem Italiener am Ende der Karstadtpassage. Vorn ein Wartebereich, die tollen Friseurstühle, auf denen man immer hochgepumpt wurde (obwohl das Runterlassen immer besser war). Mein Vater saß weiter hinten, da wo die Waschbecken zum Haarewaschen waren und aufgetakelte 70er-Jahre-Bratzen, die den Herren die Maniküre erledigten. Natürlich hätte ich damals nie aufgetakelt oder Bratze gesagt. Ich hätte nicht mal gewusst, was das sein könnte. Aber es waren welche. Wenn ich frisiert wurde, fiel ich in eine Art Körpertrance. Mein Kopf ist wie bei einer Drahtpuppe, den der Friseur biegen kann, wie immer es es möchte. Beginnt er zu schneiden, beginnt ein Kribbeln auf dem Kopf, das ich genieße. Als Kind hatte ich das bei jedem Friseurbesuch. Einmal, das muss kurz vor Weihnachten gewesen sein, erzählte ich meinem Friseur von meinem Wunschzettel, dass darauf etwas von Fischen stand. Ich weiß nicht mehr, ob er oder ich das Stichwort „Wal“ ins Gespräch brachte. Auf jeden Fall malte ich mir irgendwann am Ende des Friseurbesuchs aus, zu Weihnachten einen Wal zu bekommen, wo immer der dann gehalten werden sollte. Denn ich kannte nicht nur Aquarien mit Fischen, so wie ich sie bei meinen Besuchen der Gruga zusammen mit meiner Oma kennengelernt hatte in dem objektiv gesehen schrecklichen Tropenhaus damals mit Spinnen, Stabheuschrecken, Krokodilen, Schnappschildkröte im Erdgeschoss und Schlangen, Eidechsen, Leguanen und Galapagosschildkröten in der ersten Etage sowie den Aquarien im Keller. Noch schlimmer war natürlich das Seehundbecken vor dem Haus, in dem Jahr um Jahr die Seehunde krepierten, weil die Arschlöcher von Besucher allen Mist ins Becken warfen, Münzen, Getränkeverpackungen, Pommesschalen, was immer sie gerade zum Werfen in der Hand hatten, und die Seehunde, vielleicht nicht die hellsten, zumindest aber besonders gequälte Exemplare, hatten nichts Besseres zu tun, als diesen ganzen Mist zu fressen. Aber ich kannte eben auch ein riesengroßes Becken, in dem Wale gehalten wurden, im Duisburger Zoo muss das gewesen sein, die armen Belugawale, und das Becken kam mir nur groß vor, weil ich winzig klein gewesen war, in Wirklichkeit ist das Belugabecken eine doppelstöckige Sitzbadewanne, wenn überhaupt, und Duisburg unter den großen Zoos ein besonders miserabler, aber wem sag ich das, das sieht sowieso jeder, der Augen im Kopf hat.

Und einmal, da hatte ich einen Großteil meiner Haare abschneiden lassen wollen, aber nicht beim Friseur, sondern meine Mutter sollte mir eine Glatze rasieren, denn es war abgemacht, dass ich Karneval als Clown gehen wollte, sollte, durfte. Aber als wir im Keller bei Roßkothen, dem Spielzeugladen in der Innenstadt, waren, da, wo es zu Karneval immer die Kostüme gab, gab es leider kein Augustkostüm mehr, vor allem nicht die aufsetzbaren Glatzen mit den gekräuselten roten Haaren an der Seite, denn die hatte ich haben wollen, der Rest des Kostüms war mir total egal gewesen. Und weil es die Haare nicht gab, wollte ich die Haare auf dem Kopf rasiert haben, denn rot waren sie ja sowieso, aber meine Mutter nähte mir ein Pierrotkostüm und schminkte mich und ich habe geheult und keinen Spaß gehabt an dem Karneval, obwohl mein Vater mich auf seinen Schultern getragen hat, aber gegenüber auf der anderen Seite des Zugs faxte mein bester Kindergartenfreund im Cowboykostüm mit Knarren herum, und das war natürlich viel, viel cooler als Pierrot.

Totte als Pierrot

Im Jahr drauf ging ich als Pirat. Mit Dreispitz, Vorderladerpistole und geschminkter Narbe torkelte ich stundenlang durch die Toreinfahrt unseres Hauses und sang „15 Mann auf des toten Manns Kiste drauf“, denn natürlich kannte ich die Schatzinsel schon. Das Buch hatte mein Vater sich aus England mitgebracht, als er mal in London war, wo er „meat in roll“ bestellte, weil ihm die Vokabel „sausage“ partout nicht einfallen wollte, und von woher er mir ein englisches Taxi als Spielzeugauto mitbrachte. Mit dem Auto, einem zweiten Wagen und einem Autotransporter habe ich später im Kinderzimmer den perfekten Banküberfall ausgeklügelt.

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