Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Peter Buwalda, Bonita Avenue

Zur Abwechslung habe ich mir mal wieder ein aktuelles Buch vorgenommen. Wobei es sich bei einem Buch, an dem der Autor vier Jahre geschuftet hat und das dann auch noch übersetzt werden musste, eigentlich nur bedingt aktuell genannt werden kann.

In der Bonita Avenue geht es um eine niederländische Patchworkfamilie aus Siem Sigerius und seinem Sohn aus erster Ehe, um Siems Frau Tineke und deren Töchter Joni und Janis sowie um Aaron, Jonis langjährigem Freund.

Die Geschichte dieser Familie wird durch allerlei Rückblendungen, Überschneidungen und Erinnerungen langsam zusammengepuzzelt, so dass nach und nach ein Wandteppich aus Betrug, Pornografie, Psychosen, Kriminalität, Erpressung, Gewalt und was ihr euch auch immer vorstellen wollt, entsteht. Die Figuren erwachen selbst in dieser Schreckenswelt, als im Jahr 2000 die Kleinstadt Enschede mehr oder weniger in die Luft geht.

Ihr merkt schon, da steckt ne Menge drin. Und ja, das ist vermutlich eine Schwäche: Das Buch ist inhaltlich zu interessant.

Buwalda hat einfach viel zu viel hineingestopft, um auch nur ja so gut wie kein Problem auszulassen (wenn man mal von Missbrauch und Fremdenhass absieht).

Es gibt aber noch eine andere Schwäche. Und die ist wesentlich gravierender. Das Buch ist technisch Bockmist. Die Sätze sind dermaßen verschachtelt, dass es gerade zu Anfang eher die Regel als die Ausnahme ist, einen Satz zweimal zu lesen. Irgendwann gewöhnt man sich vermutlich dran und/oder liest konzentrierter. Aber das ist praktisch auch egal, weil man, je mehr Kapitel man abgeschlossen hat, umso mehr an der Gestaltung der Kapitel leidet.

Immerhin versucht Buwalda wenigstens durch Perspektivwechsel den Kapiteln (und Figuren) einen eigenen Charakter zu geben. Leider erfolglos. Denn die Sätze sind in allen Kapiteln gleich katastrophal. Und das wird nicht besser, wenn in einem Kapitel mal die Ich-Perspektive genutzt wird und in der anderen ein quasi-auktorialer Erzähler spricht, der letztlich nur für Verwirrung sorgt, wenn auf einer Seite zeilenweise von zig „ers“ die Rede ist, die man erst anhand ihrer Handlungen mühselig auseinanderpopeln muss, weil man sonst nicht weiß, wer was tut. Übrigens glaube ich, dass aus diesen lieblosen Perspektivwechseln ein weiteres Problem entsteht: Die Figuren werden auf den 640 Seiten einfach nicht lebendig. Sie sind einfach tot, weil sie alle im ewig selben doofen Buwalda-Stil sprechenlebenerzählenschreiben.

Ich motze ganz schön viel über das Buch, wie? Wisst ihr, was mich am meisten aufregt? Obwohl ich hier was zu moppern habe und da was zu moppern habe, IST DAS BUCH AUCH NOCH INTERESSANT! Ja, die Lektüre macht auf ihre Weise durchaus Vergnügen. Aber sie könnte eben besser sein, wenn diese nervigen Unzulänglichkeiten nicht wären!

So, und einen Punkt hab ich noch, den ich hier loswerden muss. Mancher mag mich schlagen, dass ich damit etwas Inhaltliches verrate, aber das ist mir jetzt egal. Joni beginnt neben einer wirtschaftlichen Ausrichtung eine Karriere im Pornobusiness. Damit landet sie letztlich in einem amerikanischen Pornounternehmen, das sich eines jungen Porno-Starlets annimmt. Dieses Starlet startet eine großartige Karriere unter dem Namen Bobbi Red (der erste Vorschlag Gigi Green wird abgelehnt), landet in der Talkshow von Tyra Banks und spielt schließlich in einem Steven-Soderbergh-Film mit. So. Und bei wem es jetzt noch nicht geklingelt hat, dem empfehle ich die Lektüre dieses Eintrags hier inklusive aller Details. Die Dame ist nämlich schon vor Jahren auch in der ganz bürgerlichen deutschsprachigen Presse angekommen. Und ganz ehrlich, lieber Peter Buwalda, diese Figur ist dermaßen billig geklaut, dass man die entsprechenden Seiten unter Abgesang kultischer Gesänge aus deinem Buch herausreißen sollte.

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  1. Spannend, mal so einen ganz anderen Eindruck zu dem Buch zu lesen. Ich zum Beispiel fand die Sprache sehr beeindruckend, ich mag solche Schachtelsätze und mich hat das nicht im Geringsten gestört. Ebensowenig, wie ich die Perspektivwechsel als störend empfunden habe, im Gegenteil. Der Fokus lag mal hier und lag mal da, dadurch wurde das Geschehen für mich eher lebendiger als wenn alles aus einer starren Perspektive erzählt worden wäre.
    Was das Porno-Starlet angeht, so ist mir der „Klau“ nicht aufgefallen. Allerdings finde ich das auch nicht besonders tragisch. Weshalb sollte man sich nicht auch real existierender Personen bedienen, bzw. sie als Vorbild nehmen? Aber das ist ja das Tolle .. man kann sich hervorragend über das Buch unterhalten. Ich war begeistert.

    • Ja, im Vergleich wird es besonders spannend. Aber ich möchte doch noch einmal den ein oder anderen Foukus deutlicher machen:

      Schachtelsätze an sich stören mich nicht. Sie stören mich aber, wenn sie ohne Not und unvorteilhaft verwendet werden. Ich hatte immer wieder den Eindruck, dass sie in Bonita Avenue für etwas standen, was sie nicht sind: guten Stil. Dasselbe störte mich bei der Verschachtelung der Kapitel. Sie spiegeln ähnlich wie bei der Mandelbrot-Menge im Großen das Kleinste wider.

      Der Perspektivwechsel ist ebenfalls an und für sich keine Schwäche. Er wird aber zur Schwäche, wenn man mit verschiedenen Abstufungen zwischen Icherzähler und auktorialem Erzähler hin und her springt, dabei aber alle Kapitel stilistisch komplett gleich schreibt. Deutlich gesagt: Warum führt Joni ihren abgespeckten inneren Monolog stilistisch genau so, wie der Erzähler Siems Perspektive schildert? Das würde nur dann funktionieren, wenn sie eigentlich die Erzählerin des ganzen Buchs wäre, sie also Siems und Aarons Perspektive zur Erklärung ihres eigenen Lebens nachzubilden versuchte. Hier wird es aber dann philosophisch schwierig, weil sie vieles eben nicht wissen kann, sie es sich mithin ausgedacht haben müsste.

      Klar, man kann auch real existierende Personen nehmen und sie mit dem Werk verstricken. Das steigert letztlich nur die Realität. Aber mir ist es zu billig, wenn man einfach drei, vier gegebene Tatsachen nimmt, sich noch ein schales Witzchen mit dem Namen erlaubt und zack: Fertig ist die Figur. Ein schneller Vergleich mit Empfehlung: Chuck Palanhiuk bedient sich in Snuff ebenfalls der Pornoszene, baut sogar die Grundidee eines Drehs ein, den es tatsächlich gegeben hat. Aber er entwickelt die Hauptfigur so viel weiter, dass er eine neue Geschichte erschafft.
      Bei Buwalda wirkt die Anleihe auf mich dagegen wie „oh, das ist aber interessant, das bau ich mal in mein Buch mit ein“. Mir fehlt einfach die Intention, warum er Bobbi Red verwendet, sie hat mit der Handlung nix zu tun und könnte problemlos komplett fehlen.

  2. Habe gerade in Ihrem Blog gestöbert. Sehr anregend. Ich fand Leseanregungen, erfurh Ihr Urteil über Bücher, die auch ich schon gelesen habe, entdeckte Neues. Vielen Dank für die Einblicke in Ihre Bibliothek!
    Wolfgang Krisai

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